DH-Berufsperspektiven: Interview mit Ruth Reiche

Freischaffende Künstlerin, www.kunstnerd.de

Interview

Zur Person / About you

Bitte stellen Sie sich kurz mit ihrem Namen und etwas Information zu Ihrem Werdegang vor.
Would you please briefly introduce yourself and provide a little information on your academic and professional background?


Ich bin Ruth Reiche, geboren und aufgewachsen in München. Nach meinem Studium der Kunstpädagogik, Kunstgeschichte und Philosophie in der bayerischen Landeshauptstadt hat es mich, wie wohl alle jungen Kreativen, nach Berlin gezogen. Dort habe ich promoviert. Berlin ist eine tolle Stadt, doch da man von unbezahlten Praktika nicht leben kann, hat mich mein Weg weiter nach Darmstadt und Göttingen geführt, wo ich erst in dem Projekt DARIAH-DE geforscht und dann überwiegend in der universitären Lehre gearbeitet habe. In Göttingen habe ich schließlich meine Wurzeln geschlagen und lebe dort zusammen mit meiner Familie – mittlerweile als freischaffende Künstlerin, Illustratorin und Buchautorin (https://www.kunstnerd.de). Nachdem ich mich viele Jahre lang theoretisch mit Bildern beschäftigt habe, musste ich einfach selbst (wieder) etwas schaffen. Seitdem schreibe ich Geschichten und mache Bilderbücher, gerade eines über genau eine solche Wandlung (siehe Bilder). Eine Wandlung, wie sie sicher auch viele Studierende kennen. Ein Pendelbaum ist das Symbol dazu. Danach folgt ein Kinderbuch.

Ausbildungshintergrund / Education

Kurze Skizze Ihres Ausbildungshintergrundes: Ausbildungsberuf, Studiengang / Studienfächer, Abschluss, wo?
A brief sketch of your academic and professional background (degrees, courses of studies, institutions etc.)
Zunächst habe ich an der Ludwig-Maximilians-Universität München angefangen Medieninformatik zu studieren. Ich war nie ein Computerfreak, doch haben mich immer die Möglichkeiten des Digitalen interessiert, gerade für das kreative Schaffen. Und da die Mathematik und ich uns recht gut verstehen, schien dies eine schöne Kombination zu sein. Aber leider war gerade der kreative Aspekt in diesem Studium nicht sonderlich ausgeprägt. Anstatt Grafikprogramme zu entwickeln, wollte ich doch lieber selbst welche nutzen! Deshalb habe ich mich für einen Wechsel zur Kunstpädagogik entschieden, einem künstlerisch-praktischen Studiengang, der an der LMU einen starken Medienschwerpunkt besaß und heute auch in Kooperation mit der Medieninformatik als BA-Studium „Kunst und Multimedia“ angeboten wird. Im Studium habe ich mich in nahezu allen künstlerischen Techniken ausprobieren können, von der klassischen Zeichnung bis hin zur 3D-Animation. Den theoretischen Hintergrund habe ich über meine beiden Nebenfächer Kunstgeschichte und Philosophie abgedeckt. Da ich mein Wissen in dieser Hinsicht vertiefen, aber auch vom drögen Pädagogen-Image wegkommen wollte, habe ich im Anschluß an mein Studium im Fach Kunstgeschichte promoviert und 2016 meine Dissertation „Strategien des Narrativen im kinematographischen Raum“ im Verlag Silke Schreiber veröffentlicht.

Berufserfahrung / frühere Berufsfelder und derzeitiges Berufsfeld / Professional experience incl. earlier and current appointments

Wege in den Beruf / Career paths

Was hat sie an Ihren aktuellen Berufsfeld fasziniert? Haben Sie dieses Ziel aktiv verfolgt? Welcher Weg hat Sie zu ihrem derzeitigen Beruf geführt?
What fascinates you about your current job? Did you actively pursue this career path? What was your path to your current occupation?

Als Kind wollte ich entweder Polarforscherin oder Comiczeichnerin werden. Pinguine mag ich noch immer und vom Comiczeichnen bin ich mit meinen Geschichten und Bildern gar nicht mal so weit entfernt. Der Weg hin zu meiner aktuellen freischaffenden Tätigkeit war jedoch keineswegs geradlinig oder gar zielgerichtet, sondern durch einige wichtige Umwege geprägt. Ohne meine Doktorarbeit würde ich heute zum Beispiel keine Geschichten schreiben. Erst die Auseinandersetzung mit Erzähltheorien hat mich dazu gebracht, selbst bestimmte Erzähltechniken auszuprobieren und eigene Geschichten zu erfinden. Gezeichnet habe ich hingegen schon immer viel und sehr gerne, mich aber lange Zeit schlichtweg nicht getraut, hieraus einen ernsthaften Beruf zu machen.
Als festen Beruf wollte ich etwas Standfestes haben. Auch wenn es für Kunsthistoriker*innen naheliegt, haben mich der Kunstmarkt oder kuratorische Tätigkeiten im Museum nie gereizt. Intellektuelle Herausforderung habe ich stattdessen in der Forschung gefunden. Dort habe ich mich zunächst in der Drittmittelforschung engagiert und mit digitalen Infrastrukturen beschäftigt (DARIAH-DE, Technische Universität Darmstadt). Ich war hochmotiviert und wollte die digitale Kunstwissenschaft voranbringen (Buch „Ein Bild sagt mehr als tausend Pixel?“, zusammen mit Celia Krause). Auch in der Lehre an der Georg-August-Universität in Göttingen hat sich an diesem Ziel nichts geändert. Nach diversen Zeitverträgen und mit Kind im Gepäck, hat sich die Perspektive auf mein Leben jedoch grundsätzlich gewandelt. Die Sicherheit, die mir das universitäre System für eine gewisse Zeit gegeben hatte, war nur noch Schein und die Aussicht mit 40 plötzlich aus dem System zu fallen, erschreckend realistisch. Ich brauchte also eine Alternative.
Diese Alternative habe ich nun in der Selbstständigkeit gefunden: Ich habe mich dazu entschlossen, mich voll und ganz meiner Leidenschaft hinzugegeben und schöne Bücher zu schaffen, Bilder zu zeichnen und damit Menschen zu begeistern. Ich ging also durch die Türe, die eigentlich schon die ganz Zeit über einen Spalt breit offen stand. Für den Moment zumindest habe ich mit dieser Entscheidung das Gefühl, angekommen zu sein, wobei ich zugleich weiß, dass ich nur wieder am Anfang eines neuen Weges stehe.

Schlüsselkompetenzen / Key competences

Häufig fragt man sich, welche der vielen erworbenen und in Studium und Ausbildung vermittelten oder empfohlenen Kompetenzen im Beruf eine Rolle spielen werden. Welche spielen in Ihrem Beruf eine zentrale Rolle? Hatten Sie das erwartet?
Very often we ask ourselves which of the competences and skills acquired during our education and along our career path are actually playing a key role for our occupation. Which of these would you name that play a central role in your current job? Had you anticipated that?

Transferfähigkeiten halte ich generell für sehr wichtig. Viele Dinge unterscheiden sich oberflächlich betrachtet, weisen dann aber doch starke Ähnlichkeiten auf. Hat man dies einmal erkannt, ist es nicht sonderlich schwer, sich in andere Gebiete einzuarbeiten und Lösungswege zu übertragen. Ein Beispiel: Programmiersprachen unterscheiden sich in ihrer Syntax, die Prinzipien sind jedoch immer dieselben, etwa die Rekursion.

Wie würden Sie Ihren schönsten Arbeitstag beschreiben? / Please describe your perfect day at work.

Was ist Ihr persönlicher bester Arbeitstag? Lieblingsaufgaben? Highlights?
What is your personal best day at work? Favourite tasks? Highlights? Things that make your day?

An meinem perfekten Arbeitstag scheint die Sonne in mein Atelier und ich habe viel Ruhe, um konzentriert an einer Sache zu arbeiten und in den Flow zu kommen. Denke ich an nichts anderes als an das, was ich gerade im Moment tue, sprudeln die Ideen und die Hand zeichnet quasi von alleine.
Ruhe ist mir zur Zeit so wichtig, weil ich sie familienbedingt so selten habe. Schöne Arbeitstage können aber auch ganz anders aussehen. Denke ich zum Beispiel an meine Darmstädter Zeit zurück, waren Konferenzbesuche immer etwas ganz Besonderes. 

Erwartungen / Expectations

Was war für Sie überraschend auf Ihrem Karriereweg? (positiv und negativ)
Is there anything you had not anticipated on your career path (positive or negative)?

Das Überraschendste an meinem Karriereweg war sicherlich, dass ich die Digital Humanities für mich entdeckt habe. Nachdem ich etwas völlig Brotloses studiert hatte und in etwas fast noch Brotloserem meine Doktorarbeit schrieb, musste ich mich auf meine Fähigkeiten besinnen und bin zu dem Schluß gekommen, dass mich meine Liebe zu Computern wesentlich von den meisten Kunsthistorikern dieser Welt unterscheidet.
Auch wenn ich den akademischen Karriereweg zwischenzeitlich verlassen habe und nun an Bilderbüchern arbeite, begleiten mich digitale Workflows noch immer: Zeichnungen müssen gescannt, digital nachbearbeitet und für den Druck aufbereitet werden. Meine Website möchte gepflegt und soziale Medien gefüttert werden. Außerdem schwirrt in meinem Hinterkopf immer noch die Idee herum, einen Roman generativ auf Grundlage von Textanalysealgorithmen zu illustrieren. Etwas, was einer Illustratorin mit klassischem Werdegang wohl niemals in den Sinn kommen würde.

Kompetenzen / Competences

Welche Eigenschaft stellt Ihre wichtigste Qualität für Ihren derzeitigen Beruf dar?
What is the most important quality required for your current job?
Ganz einfach: Ausdauer.

Ratschläge für Studierende der DH / Career advice for students of DH

Was würden Sie Studierenden raten, die sich fragen, wie man in den DH sein berufliches Umfeld findet?
Do you have any advice you would give students to help them find their vocation in the DH?
Folge deinen Neigungen und vertraue auf dich! Die Welt ist vielfältig und wenn du gut in dem bist, was du machst, wirst du deinen Weg schon finden.