DH-Berufsperspektiven: Interview mit …

Jan Horstmann, Leiter des Digitalen Labors des Forschungsverbunds Marbach Weimar Wolfenbüttel (MWW)

Koordinaten

https://www.klassik-stiftung.de/stiftung/ansprechpartner/vita/jan-horstmann/

Twitter: @JanHorstmannn

Zur Person – Selbstvorstellung

Jan Horstmann, ich bin derweil Geschäftsführer des BMBF-geförderten Forschungsverbundes Marbach Weimar Wolfenbüttel in der Klassik Stiftung Weimar und leite dort das Digitale Labor. Zuvor habe ich das DFG-Projekt forTEXT an der Universität Hamburg koordiniert, das sich die niedrigschwellige Dissemination digitalen Methodenwissens in die traditionelleren Literaturwissenschaften zum Ziel gesetzt hat. Promoviert habe ich nach meinem Masterstudium (Deutschsprachige Literaturen) ebenfalls in Hamburg über das völlig undigitale Thema „Theaternarratologie. Ein erzähltheoretisches Analyseverfahren für Theaterinszenierungen“. Vor meinem Masterstudium in Hamburg habe ich an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster einen Zweifachbachelor in Germanistik und Geschichte absolviert. Den Digital Humanities, ihren Möglichkeiten und Herausforderungen habe ich mich demnach erst am Ende meiner Promotionszeit gewidmet.

Kurze Skizze des Ausbildungshintergrunds.

2007–2010: B.A. Germanistik und Geschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
2010–2012: M.A. Deutschsprachige Literaturen, Universität Hamburg
2013–2017: Promotion am Institut für Germanistik, Universität Hamburg

Berufserfahrung / frühere Berufsfelder und derzeitiges Berufsfeld

Wege in den Beruf
Was hat sie an Ihren aktuellen Berufsfeld fasziniert? Haben Sie dieses Ziel aktiv verfolgt? Welcher Weg hat Sie zu ihrem derzeitigen Beruf geführt?

Es fasziniert mich, wie digitale Methoden und geisteswissenschaftliche Fragestellungen einander fruchtbar begegnen können und wie es dabei zwangsläufig zu Teamwork kommt. Die unterschiedlichen Kommunikationskulturen in geisteswissenschaftlichen und informatischen Fächern führt häufig zu größerer Selbstreflexion auf beiden Seiten: Völlig unterkomplex, reduziert und platt ausgedrückt könnte man sagen, Geisteswissenschaftlerinnen lernen sich genauer auszudrücken (und zwar so genau, dass sogar ein Computeralgorithmus sie verstehen kann) und Informatikerinnen lernen, ihr Know-How allgemeinverständlicher zu vermitteln.

Dieser zweiseitige Effekt wäre aus meiner Sicht zumindest wünschenswert.
Aktiv verfolgt habe ich die Arbeit in den Digital Humanities nicht, sie war aber niemals fern, da ich bei Jan Christoph Meister zwar über ein undigitales Thema promoviert habe, durch ihn aber bereits während des Studiums etwa an die manuelle Annotation mit CATMA herangeführt wurde. Dass ich nach der Promotion voll und ganz den DH-Weg eingeschlagen habe, war jedoch nicht ausschließlich interessengeleitet, sondern war auch einfach ganz pragmatisch: Mein Promotionsstipendium war ausgelaufen und es gab im Team Meister einen Job. Wäre dieser Job z.B. einer mit narratologischem Schwerpunkt gewesen, hätte alles ganz anders kommen können. Bis jetzt bereue ich diesen Zufall jedenfalls nicht.

Schlüsselkompetenzen / Key competences
Häufig fragt man sich, welche der vielen erworbenen und in Studium und Ausbildung vermittelten oder empfohlenen Kompetenzen im Beruf eine Rolle spielen werden. Welche spielen in Ihrem Beruf eine zentrale Rolle? Hatten Sie das erwartet?

Ich würde das mal als Verständnis für die Struktur geisteswissenschaftlicher Fragestellungen und Arbeitsprozesse beschreiben. Dies ist tatsächlich eine Schlüsselkompetenz in meinem Beruf, die ich bereits im Studium erwerben konnte. Natürlich braucht man für die Arbeit in den DH auch etliche ganz praktische (Methoden-)Kompetenzen, die ich mir aber tatsächlich erst nach der Ausbildung/der Promotion im Modus des learning by doing angeeignet habe. Es kommt im Studium daher vor allem auf die Fähigkeiten an, Prozesse kritisch reflektieren und produktiv gestalten zu können. Natürlich schadet es nicht, wenn man im Gespräch mit einem Literaturwissenschaftler weiß, wann Goethe gestorben ist; wichtiger scheint mir aber zu sein, zu verstehen, warum das für diesen Literaturwissenschaftler relevant sein könnte und was damit einhergeht.
In meinem heutigen Beruf spielt tatsächlich die Planungs- und Strategiekompetenz eine enorme Rolle und die Fähigkeit, sich auf die Kommunikationsverhalten unterschiedlicher Personen einstellen zu können.

Wie würden Sie Ihren schönsten Arbeitstag beschreiben?

Morgens ein freundliches Treffen mit einem motivierten Team. Dann wissenschaftliche Arbeit (z.B. einen Text oder ein Korpus analysieren, genuine DH-Methoden anwenden, oder einen Text schreiben), gemeinsame Mittagspause mit Teammitgliedern und anderen Mitarbeiter*innen vom Institut, nachmittags eine kreative Sitzung mit gemeinsamer Ideenentwicklung für ein konkretes Problem. Zwischendurch weniger Emails als üblich bekommen und dann ohne Überstunden Feierabend machen.

Erwartungen
Was war für Sie überraschend auf Ihrem Karriereweg? (positiv und negativ)

Es überrascht mich immer noch, dass ich jetzt plötzlich ein Digitales Labor leite und hauptsächlich Management betreibe, obwohl ich doch eigentlich Literaturwissenschaftler bin (dachte ich zumindest). Aber es kommt immer anders als man denkt und häufig sieht man selbst die eigenen Fähigkeiten weniger klar als andere, die die eigene Arbeit von außen beurteilen.
Negativ ist ganz generell die unsichere Jobsituation im Wissenschaftsbetrieb. Geisteswissenschaftlerinnen schweben eigentlich permanent in der Unsicherheit, haben keine Planungssicherheit und müssen eigentlich jeden Job annehmen, den sie bekommen können. Informatikerinnen arbeiten nur mit viel Idealismus in unserem Bereich, da sie außerhalb des akademischen Betriebes sehr viel besser dotierte (und vermutlich mit sehr viel weniger Bürokratie verbundene) Jobs bekommen können.

Kompetenzen
Welche Eigenschaft stellt Ihre wichtigste Qualität für Ihren derzeitigen Beruf dar?

Bei der Vielzahl an unterschiedlichen Arbeitspaketen nicht den Überblick verlieren: Gute (Selbst-)Organisation gepaart mit der Fähigkeit, ein größeres Ziel zu fokussieren und strategisch kluge Entscheidungen zu treffen.
(Übrigens hätte ich diese Frage lieber etwa so beantwortet: Ich kann so etwas wie Topic Modeling durchführen und auch noch vermitteln.)

Ratschläge für Studierende der DH
Was würden Sie Studierenden raten, die sich fragen, wie man in den DH sein berufliches Umfeld findet?

Gehen Sie auf Konferenzen (da gibt es auch Stipendien für), treiben Sie sich auf Twitter herum, verfolgen Sie Diskussionen aufmerksam. Aber vor allem: Folgen Sie Ihren Leidenschaften. Bei aller Strategie- und Planungskompetenz muss der Beruf einen vor allem begeistern, damit man gut in ihm ist. Finden Sie Ihre Nische und machen Sie nicht etwas, nur weil es gerade gefragt ist.